TRANSgender DAY OF REMEMBRANCE

AM 20. NOVEMBER WIRD JÄHRLICH DER TRANSGENDER DAY OF REMEMBRANCE (TDOR) ZUM GEDENKEN AN DIE OPFER TRANS*PHOBER GEWALT BEGANGEN.

Francesca (58) aus dem Thurgau

Die Küche ist ihr Fachbereich, ihr Arbeitsplatz, ein wichtiger Teil ihres Lebens. Francesca war schon mehrere Jahre in einem Nahrungsmittelvertrieb angestellt, als sie ihren «inneren Kampf» bestritt: «Ich bin in den Sechzigerjahren in einem konservativen Umfeld aufgewachsen», erzählt die heute 58-Jährige. 2007 erkannte sie: «Ich bin eine Frau.» Der Weg zu dieser Erkenntnis hatte bereits lange gedauert – aber was an ihrem Arbeitsplatz auf Francesca zukam, war ein weiterer Kampf. Sie suchte mit unterschiedlichen Leitenden der Personalabteilung des Betriebs das Gespräch, unter anderem mit der Geschäftsleitung, der Personalleiterin und direkten Vorgesetzten, um herauszufinden, wie sie ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen ihren Namen, ihr Geschlecht – kurz: ihre Identität mitteilt. «Es war sehr harte Gespräche», erinnert sie sich. «Ich musste merken, dass ich alleine bin.» Und doch: Kurz vor Weihnachten verteilte Francesca Kärtchen an ihre Mitarbeitenden und hing die Information des Coming-outs als Trans*frau ans Schwarze Brett. So hatte sie es mit den Personalverantwortlichen abgemacht – doch der Aushang wurde rasch wieder abgehängt. «Ich musste froh sein, dass ich weiterarbeiten durfte.»

War der Betrieb zuvor kollegial und einigermassen friedlich, so musste Francesca nun schleichende Schikanen über sich ergehen lassen. Die Firma weigerte sich, den Namen auf ihrem Badge zu ändern, und obwohl sie sich bereits als Frau präsentierte, durfte sie nicht in die Gäste-Umkleide oder aufs Gäste-WC. Umgezogen hat sie sich in der Männerdusche. «Es war ein unheimlich hartes Jahr 2008.» Ausserhalb des Arbeitsplatzes aber ging es vorwärts: Auf dem Zivilstandsamt durfte Francesca 2009 ihren Vornamen ändern, und das Unispital unterstützte sie bei ihren Vorbereitungen für die geschlechtsangleichenden Operationen.

Ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen hingegen brauchten lange, um sich an das Thema Transgender zu gewöhnen. Francesca beantwortete Fragen, führte Gespräche zum Thema – und wurde deswegen von der Geschäftsleitung abgemahnt. In den folgenden Monaten wurde sie im Betrieb von Abteilung zu Abteilung geschoben. Als besonders erniedrigend empfand sie es, weiterhin in die offiziellen Männerjobs eingeteilt zu werden: Das sind diejenigen Arbeiten, die besonders viel Muskelkraft erfordern – nicht nur psychisch, sondern auch physisch ein Problem für Francesca, die zu diesem Zeitpunkt bereits Östrogene und Testosteronblocker nahm, die unter anderem zu Muskelschwund führten. Schliesslich wurde Francesca gekündigt und entschied, vor Gericht zu gehen. «Ich wollte feststellen lassen, dass es sich um einen Fall von Geschlechterdiskriminierung handelt. Dabei ging es mir nicht ums Geld – im Gegenteil: Ich vermutete bereits, dass ich keinen Job mehr kriegen würde nach diesem Fall.»

Sie behielt Recht, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Bis 2014 fand sie keinen Job mehr – und der Gerichtsfall führte nicht zu einem Urteil, sondern zu einem Vergleich, in dessen Protokoll das Wort «Diskriminierung» nicht einmal vorkam. Etwas Wesentliches aber hatte sich verändert: «Meine ehemaligen Arbeitskollegen und -kolleginnen erzählten mir, dass im Betrieb ein Umdenken stattgefunden habe. Mein Fall hat alles umgedreht.» Für die Gastrofachfrau ein Beweis: «Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken.