TRANSgender DAY OF REMEMBRANCE

AM 20. NOVEMBER WIRD JÄHRLICH DER TRANSGENDER DAY OF REMEMBRANCE (TDOR) ZUM GEDENKEN AN DIE OPFER TRANS*PHOBER GEWALT BEGANGEN.

Lars (35) aus der Region Bern

Gewalt oder direkte Diskriminierung hat Lars nicht erfahren. Viele subtilen Bemerkungen, Reaktionen und unpersönlichen Beleidigungen, können aber genauso verletzend sein. Und dass sein Trans*-Sein nicht das einzige Merkmal ist, wegen dem er Ablehnung erfährt, macht die Suche nach Gründen dafür nicht weniger kompliziert. Durfte Lars nicht Götti werden, weil er sich kurz zuvor als Mann geoutet hat, oder wegen seines Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik? In seiner Familie wird darüber nicht gesprochen. Die Themen sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und psychische Probleme sind Tabus, wenn nicht sogar manchmal ein Thema für verletzende Witze. Als Lars wurde er ausserdem erst sieben Jahre nach seinem Coming-out als Mann angesprochen.

Im Arbeitsleben sind Lars’ Erfahrungen ähnlich. In der Lehre wurde ihm gesagt, wie er sich, damals noch als Frau wahrgenommen, zu verhalten, anzuziehen und auszusehen habe. Bei seiner ersten Stelle, die er auch gegenüber dem Team als Mann antrat, schlugen Lars Stereotype, eingrenzende, sexistische und heteronormative Geschlechterrollen entgegen. Seine Männlichkeit sollte er mit physischer Kraft und Erzählungen vom Militär beweisen – als ob auch jeder Cis-Mann stark und im Militär gewesen wäre. Und wiederum die subtilen, nicht eindeutig begründeten Diskriminierungen: Mobbing, weniger Arbeitseinsätze und auf dem Arbeitsplan als „Frau Lars XY“ aufgeführt. Aber auch direkte Verletzungen wie Tratschen über ihn und abschätzige Kommentare über Trans*menschen kommen vor. Bei der Stellensuche musste Lars wiederum ähnliche Erfahrungen machen, die viele Fragen aufwerfen: Haben die Absagen nun mit seiner Geschlechtsidentität zu tun oder nicht? Haben die Personalverantwortlichen seine Bewerbung nicht gelesen oder haben sie ihn absichtlich mit einer weiblichen Anrede angesprochen?

Wie mehrere Stigmata schnell zu einer Mehrfachdiskriminierung führen können, zeigt Lars’ Geschichte leider nur allzu gut: Eine Hormontherapie zu bekommen ist für viele Trans*menschen sowieso schon ein Spiessrutenlauf. Aber was ist mit Trans*menschen, die psychische Probleme haben? Lars musste deswegen 3.5 Jahre warten, bis er die Hormontherapie endlich beginnen durfte – ein Gefühl, medizinisch-psychologischem Fachpersonal gegenüber machtlos und ausgeliefert zu sein. Wobei die Fachlichkeit nicht selten auf der Strecke bleibt: Ein Klinikdirektor meinte nach drei Minuten zu wissen, dass Lars nicht trans* sei und Psychiatrieangestellte haben ihn regelmässig mit dem falschen Pronomen angesprochen.

Leider war auch die LGBTIQ*-Community für Lars nicht die „grosse liebe Familie“, als die sie sich gerne präsentiert. Denn selbst dort hat Lars Ablehnung erfahren. Er hat mit seinem Coming-out als Mann viele Freund_innen verloren und ist mit falschem Namen angesprochen worden. In sich selber ist die LGBTIQ*-Community wiederum in verschiedene Gruppen eingeteilt – nach politischer Meinung, ökonomischem Stand oder Bildungsniveau. Lars möchte sich in verschiedenen dieser Gruppen aufhalten, ist aber immer wieder ausgeschlossen worden oder hat sich nicht willkommen gefühlt, weil er die vordefinierten Voraussetzungen nicht erfüllt hat. Mehr Durchmischung, die Offenheit für andere Blickwinkel und die Inklusion, welche die LGBTIQ*-Community zu Recht von der Gesamtgesellschaft fordert, sollte sie auch selber umsetzen. Und wo ist innerhalb dieser „Familie“ Platz für Menschen mit einer Behinderung, für Menschen, deren Körper nicht den strengen Schönheitsnormen entspricht, die in Armut oder Einsamkeit leben und für solche, die psychische Probleme haben?